Aleks trifft…

Jacqueline Otchere

Jacqueline Otchere von der MTG Mannheim ist der Shooting-Star unter den deutschen Stabhochspringerinnen. Aus zehn Schritten schafft sie bereits 4,60 Meter. Sie ist amtierende Deutsche Meisterin - und sie will noch viel höher hinaus


Interview: Aleksandra Keleman

FOTOS: ALEKS KELEMANN/STEFAN HÖNING PHOTOGRAPHY; ALEXANDER RUPP (2); KAI WINNEMANN


Pure Ästhetik:

Jacqueline Otchere beim Absprung 

Jacqueline, seit drei Jahren setzt du eine persönliche Bestleistung nach der anderen. War das zu erwarten?

Wir hatten von Anfang an langfristige Ziele, die habe ich aber schon weit übertroffen. Zu Beginn der Saison 2017 stand meine Bestleistung bei 3,71 m. Das Ziel war, konstant über 4 m zu springen. Dass ich dann Universiade- (4,30 m) und Anfang Juli EM-Norm (4,45 m) springe und Mitte Juli in London sogar 4,60 m, hatten wir so schnell nicht erwartet.


Sieht Trainer Alexander Rupp auch deine vegane Ernährung als Ursache?

Natürlich sorgt das spezifische Stabhochsprungtraining nach so kurzer Zeit noch immer für den größten Leistungszuwachs. Aber er ist mit meiner Ernährung sehr zufrieden und unterstützt mich dabei.

Die Sprungdisziplinen müssen ja mehr noch als andere Leichtathletik-Disziplinen auf ihr Kraft-Gewichts-Verhältnis achten – jedes Gramm mehr zieht einen wieder schneller auf den Boden zurück. Hat sich da etwas verbessert bei dir?

Ich sehe und spüre ganz klar einen Unterschied, seit ich mich vegan ernähre. Du hattest mich ja vor gut einem Jahr auch noch speziell auf das Thema Sprossen aufmerksam gemacht. Seitdem integriere ich sie in meine Ernährung, und meine Kraftwerte haben sich extrem verbessert. Und ich fühle mich auch außerhalb des Trainings besser.


Die anderen Leichtathleten merken das, oder? Kommen da Fragen?

Bei Wettkämpfen oder im Trainingslager wird eher geschmunzelt. Die Meinung, dass man für erfolgreichen Leistungssport tierische Produkte braucht, ist leider immer noch sehr verbreitet. Ein paar Sportler konnte ich mit meiner Ernährung aber schon inspirieren. 


Mittlerweile gibt’s ja einige Veganer in der deutschen Leichtathletik, u. a. Alyn Camara im Weitsprung, Alexander Juretzko auf 400 m, Constantin Preis auf 400 m Hürden, du im Stabhochsprung. Siehst du einen Trend zu pflanzenbasierter Nahrung?

Ich sehe schon den Trend, dass sich immer mehr Sportler Gedanken über eine gesunde Ernährung machen. Ganz aktuell gab es bei zwei Vorträgen zum Thema Ernährung im Leistungssport sowohl von der Ernährungsberaterin eines Bundesliga-Fußballclubs als auch beim Bundeskaderlehrgang Stabhochsprung Empfehlungen für eine vegane bzw. bewusstere Ernährung.


Welche Erkenntnisse ziehst du aus deinem Biowissenschaftsstudium zu leistungssteigernder Ernährung?

Leider wurde bisher keine Veranstaltung dazu angeboten. Ich würde mich freuen, wenn sich das ändert. 


Wie reagieren die Sportärzte am Olympiastützpunkt auf vegane Sportlerernährung?

Eher negativ als positiv. Mir wurde auch schon davon abgeraten. Aber Leistung und Blutwerte sprechen für sich. Und für mich gibt es keine Umkehr – der Tiere, der Umwelt und meiner Gesundheit wegen.


Hat sich dein Tagesablauf seit deiner Ernährungsumstellung verändert?

Ja, ich koche jetzt frischer und mehr, und ich koche auch gern vor, obwohl es an der Heidelberger Uni-Mensa glücklicherweise viel Gemüse und sogar vegane Soßen gibt.


Welche Ergänzungsmittel stehen auf deinem Ernährungsplan?

Außer einem Vitaminkomplex von BeGreen nehme ich keine Supplemente zu mir. Einen speziellen Ernährungsplan habe ich auch nicht. Ich verarbeite supergerne fermentiertes Tofu oder Tempeh kombiniert mit frischen Gemüse. Sprossen und Kräuter sind auch ein Muss. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer eine Tasche für meine Sprossengläser, Hafer- oder Reismilch, Müsliriegel, Obst, pflanzlichen Joghurt und meistens schon was Vorgekochtes dabei.


Wo ist dir denn dieser schöne High-land-Büffel begegnet, den ich in deiner Instragram-Story entdeckt habe?

Das war bei einer Exkursion im Rahmen des Studiums. Ich habe Tiere schon immer geliebt, aber jetzt sehe ich sie noch mehr als Individuen, die wie wir Schmerz empfinden und auch Geborgenheit und Familienleben kennen. Am liebsten würde ich jedes Tier vor Massentierhaltung retten, Tiere aus den Zoos befreien, vor Tierquälerei und vor der Jagd bewahren und noch vieles mehr, was den Tieren leider angetan wird. Eine Dokumentation hat mich 2012 dazu bewegt, kein Fleisch mehr zu essen. Da dachte ich mir: Das kann doch nicht sein, was wir den Tieren alles antun. Seit 2013 lebe ich vegan.


Was sind deine sportlichen Ziele?

In den nächsten Jahren will ich mich in der deutschen Spitze etablieren und für Deutschland an möglichst vielen internationalen Meisterschaften teilnehmen. Der große Traum sind natürlich die Olympischen Spiele. Dafür muss ich geduldig bleiben und weiter hart an mir arbeiten.



jacqueline otchere...,

...geb. 1996 als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen, studiert Biowissenschaften in Heidelberg und hat über Sprint, Weitsprung und Hürdenlauf zum Stabhochsprung gefunden. Ende Juli  2018 wurde sie Deutsche Meisterin und qualifiizierte sich damit für die EM in Berlin
(7.–12. August), ihren ersten großen internationalen Wettkampf. Mit aktuell
4,60 m liegt sie nur noch 22 cm unter dem Deutschen und 46 cm unter dem Weltrekord.



Aleksandra Keleman

Die 25-jährige Master-Absolventin coacht als Vegan-Beraterin etliche deutsche Profi-Sportlerinnen und -sportler. Ihre Botschaft lautet: Mehr Leistung durch Pflanzenpower!