"Wir brauchen eine Ernährungswende"

Fragen an Günter Garbers

Wie der ehemalige Schäfer und Fleischesser zum Lebenshof-Besitzer, Veganer und Tierrechtler wurde und wie er die Gesellschaft verändern will


Text und Interview: Beate Förster

FOTOS: RAFAEL HEYGSTER / WWW.RAFAEL-HEYGSTER.DE


Günter Garbers (65) engagiert sich mit seinem Verein „Lebenshof am Mühlenbach e.V.“ für die Rechte von Tieren. Immer wieder rettet er Tiere vor dem Schlachter. Im niedersächsischen Seevetal 30 Kilometer vor Hamburg gewährt er Schafen, Rindern, Schweinen und Ziegen das „Gnadenbrot“. Ursprünglich studierte er Garten- und Landschaftsarchitektur und machte eine Ausbildung zum Schäfer. Jahrelang lebte er vom Fleischverkauf und wurde Deutscher Meister im Schafscheren. Dann kam der Gesinnungswandel: Er beschloss, keine Tiere mehr zu töten, und begann, sein Geld mit einem Gemüsehandel zu verdienen. Immer wieder nimmt er seitdem Tiere bei sich auf, die sonst im Schlachthof geendet wären – wie die Schweine Rudolf und Steiner und den Schottischen Hochland-Bullen Schmusi. Hier im Interview spricht der Tierfreund und Tierrechtler über seine geretteten Tiere und eine vegane Gesellschaft.


Welche Tiere leben jetzt bei dir?

Günter Garbers: Auf meinem Lebenshof am Mühlenbach leben zur Zeit 50 Schafe, drei Ochsen und ein Bulle, zwei Schweine und vier Ziegen. Die Tiere dürfen bis an ihr natürliches Lebensende hier bleiben.

Wodurch war früher deine Arbeit als Schäfer bestimmt?

Meine Schäferkarriere begann 1975 im bayerischen Spessart. 1980 machte ich mich als Wanderschäfer selbstständig und zog mit einer Herde von 1.000 Tieren durch die Lüneburger Heide. Dann war ich mit meiner Schafherde jahrelang am Elbdeich unterwegs. Aber das romantische Leben, das dem Schäfer angedichtet wird, das gibt es nicht. Er lebt nicht von der Wolle, sondern produziert Fleisch und muss es vermarkten, um einen besseren Erlös zu kriegen. Ich war voll in dieser Sache drin. Wir haben geschlachtet – gemordet, je nachdem, wie man es nennen will – fürchterlich, grausam, und den Tieren Unrecht getan. Zu der Zeit war ich mit einer Frau zusammen, einer Vegetarierin. Die hat einmal gefragt, „ob ich sie überhaupt noch anfassen will mit den blutverschmierten Händen“. Das hat gesessen. Ich bin ins Grübeln gekommen und habe erkannt, dass ich nicht mehr schlachten kann – aus psychischen Gründen, vor allem weil ich die Tiere kannte. Ich habe das Schlachten dann aufgeben und mit dem Gemüsehandel begonnen.


Wie ist der Highland-Bulle Schmusi zu dir gekommen?

Er ist von Menschen mit der Flasche großgezogen worden, weil ihn seine Mutter verstoßen hatte. Er hat aber den Bauern, seinen früheren Eigentümer, angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Deshalb sollte der Bulle erschossen werden. Ich habe dann entschieden: Den Kerl holst du da raus. Und mit Geld habe ich ihn kaufen können. Ich wusste, dass er mein Leben von einer Sekunde auf die andere verändert. Das ist auch eingetreten. Eigentlich ist Schmusi ein gutmütiges Tier. Ich bin sein Freund. Wenn ich zur Weide komme, beschnüffelt er mich und zieht die Nase hoch, als begrüße er ein Mitglied seiner Herde. Seine Augen strahlen Wärme und Freundschaft aus. So empfinde ich es jedenfalls. Jetzt feiert er sein sechsjähriges Jubiläum bei mir. Ich streichele ihn jeden Tag. Wenn sich aber fremde Leute nähern, die er nicht mag, knurrt er wie ein Hund und wird böse. Die Leute müssen dann sofort weggehen. Die Verantwortung, die ich für ihn übernommen habe, ist eine sehr arbeitsintensive Sache. Mein Leben ist von Ängsten geprägt, dass er mal ausbrechen und wieder einen Menschen verletzten könnte. Deshalb habe ich die Weide, auf der er steht, neu einzäunen lassen. Außerdem passe ich auf, dass sich niemand ihm nähert. Nachts schlafe ich oft in meinem Auto in seiner Nähe. Die Entscheidung zu treffen, ein Tier zu retten, das ist einfach. Aber ein Tier langfristig am Leben zu halten, das ist nicht ganz so einfach.



Auf welche Weise sind die Ochsen und Schweine zu dir gelangt?

Damit Schmusi nicht alleine blieb, habe einen Bauern gefragt, ob er mir ein paar Kälber verkauft. Die drei Ochsen Pinoccio, Teischen und Knuffel stammen also von einem Milch-produzierenden Betrieb. Sie wären sonst in die Schlachtung gegangen. Die beiden Schweine heißen Rudolf und Steiner, weil sie von einer Rudolf-Steiner-Schule stammen. Sie sollten den Schulgarten  durchwühlen und die Schule hat ein Projekt mit ihnen gemacht. Aber am Ende hätte ihnen der Tod bevorgestanden. Eine Mutter hat sich allerdings dagegen gewehrt. Sie sagte: Ihre Kinder würden daran einen seelischen Schaden nehmen – wenn die Schweine geschlachtet würden. So blieb ich mit meinem Lebenshof die einzige Lösung für die Schweine.


Warum hast du begonnen, dich vegan zu ernähren?

Ich wollte wieder etwas gutmachen. Und per Zufall bin ich mit einer vegetarischen Gruppe in Kontakt gekommen. Die Arbeit in dieser Gruppe hat mich stark geformt. Aber ich habe erkannt, dass die vegetarische Sache alleine nicht ausreicht – vor allem bei der Milchproduktion. Ich bin dann so langsam weiter gegangen: erst mal weniger Fleisch, dann vegetarisch, dann vegan. Vor etwa zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren habe ich mich schließlich der veganen Rohkost-Ernährung zugewandt.


Was möchtest du Vegetariern mitteilen?

Vegetarier müssen den Schritt zum Veganen machen. Vegetarier sind ja schon einmal konsequent, indem sie kein Fleisch mehr essen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, wenn sie es ehrlich meinen. Sie sollten ganz konsequent sein. Es geht nur vegan.
Das ganze Elend in der Milchproduktion – viele wissen es noch nicht, oder wollen es nicht wahr haben: Bevor ein Tropfen Milch läuft bei der Kuh, muss erst ein Kalb geboren werden. Die Kälber werden gleich von der Mutter weggenommen. Und dann gehen sie in die Massentierhaltung, also Fleischproduktion. In den meisten Fällen werden sie in den Schlachthof geführt. Das ist ein Elend ohne Ende. An jedem Stück Käse und an jedem Tropfen Milch klebt ein Tropfen Blut. Das muss der Vegetarier noch genauer recherchieren und analysieren. Viele Vegetarier sind Käse-süchtig. Käsesucht ist ein ganz schlimmes Ding. Wissenschaftler haben rausgekriegt, dass der Suchtdruck zum Käse hin höher ist als zum Alkohol. Fleischkonsum ist auch eine Suchtsache. Viele Leute sind krank und möchten sich lieber in die Richtung Sucht behandeln lassen.
Die Fleischproduktion vergrößert die Umweltbelastung und das ganze Elend mit dem Klimawandel,  durch Methan und Ammoniak, das durch die Rinderhaltung entsteht. Etwa 20 Prozent der Treibhausgase weltweit kommen aus der Fleisch- und Milchproduktion. Außerdem brauchen die Kühe Futter. Dazu wird Soja in der sogenannten Dritten Welt angebaut und importiert. Dieses Futter müssen die Kühe in der Massentierhaltung fressen. Dabei wird der Regenwald gerodet. Die Menschen sollten konsequent sein. Es geht nur vegan.


Warum nimmst du an Fernsehsendungen teil und lässt dich von Zeitungen interviewen?

Es reicht mir nicht, meine Tiere zu füttern, sondern ich will auch Öffentlichkeitsarbeit machen. Wenn ich mich nicht dazu bereit erklär', im Fernsehen teilzunehmen, dann wird das vielleicht gar nicht gemacht. Das wäre dann schade. Ich bin auch ein bisschen Politiker, nicht nur Tierrechtler. Ich will noch ein bisschen was bewegen, in den Köpfen der Menschen. Das ist mein großes Ziel. Ich will, dass wir da weiterkommen. In der Ernährung können wir viel machen. Da kann jeder einzelne Mensch etwas bewegen, wenn der Kopf dafür da ist. Es ist mein Ziel, an den Einzelnen heranzutreten.


Was wünschst du der Gesellschaft?

Ich wünsche mir, dass der Einzelne die vegane Bewegung stärker anschiebt und das konsequent umsetzt. Meine Generation hat versagt. Junge Leute, die noch direkt vom Klimawandel betroffen sein werden, müssen die Sache in die Hand nehmen. Was da auf dem Spiel steht! Schließlich ist der Klimawandel von Menschenhand gemacht. Er sollte längst gestoppt werden. Nach der Energiewende muss die Ernährungswende kommen. Die Energiewende hat begonnen, weil es immer mehr erneuerbare Energien gibt. Und jetzt müssen wir die Ernährungswende hinkriegen. Es ist wichtig, dass die Leute das konsequent umsetzen, dass das Bewusstsein geschürt wird und dass wir von diesen Tiermorden wegkommen. Ich kann nur jedem empfehlen, einem Schwein aus der Nähe in die Augen zu schauen. So kann jeder erkennen, dass diese Tiere Lebewesen sind und überhaupt nicht getötet werden dürften. Ich bin Tierrechtler. Und der Tierrechtler sagt: Der Mensch ist nicht berechtigt, Tiere zu töten, zu essen und sie ausbeuten – aus philosophischen, ethischen, moralischen Gründen. Auch ein Tierleben ist wertvoll. Wir sind ja selber Tiere. Wir stammen vom Affen ab.


Welche Pläne hast du?

Ich habe eine Strategie, wie wir die Leute vom Fleisch wegkriegen: Wenn Kinder zu mir kommen, vor allem Stadtkinder, bauen sie eine Beziehung zu den Tieren auf. Wenn Tiere ihre Freunde sind, essen sie kein Fleisch mehr. Das ist meine Strategie, die ich umsetzen möchte. Daran arbeiten wir. Wir brauchen eine Ernährungswende. Letztendlich läuft alles auf eine vegane Gesellschaft hinaus. Wir müssen es schaffen.



Weitere Infos:

Günter Garbers – Lebenshof am Mühlenbach e.V.
Spendenkonto:
Bank: Volksbank Lüneburger Heide eG
IBAN: DE10 2406 0300 4902 0200 00
BIC: GENODEF1NBU
http://www.lebenshof-am-muehlenbach.de/

https://www.youtube.com/watch?v=xP7hIbgYOEs