Vegan, aber mit Verstand

Fragen an Dr. Andrea Lusser

Worauf muss man bei veganer Ernährung besonders achten?
Die Freiburger Ärztin berichtet und gibt Tipps aus erster Hand – sie ernährt sich selbst seit 35 Jahren rein pflanzlich


Interview: Dirk Müller

FOTO: PRIVAT


Frau Dr. Lusser, Sie ernähren sich selbst vegan, und das seit einer Zeit, in der der Begriff noch kaum bekannt war. Wie kam es dazu?

Dass meine Nahrung Auswirkungen auf mein Wohlbefinden hat, habe ich frühzeitig wahrgenommen, daher suchte ich nach der für mich passenden Ernährung. 1976 stieß ich auf ein Buch über Hatha-Yoga und las zum ersten Mal etwas über die vegetarische Ernährung. Ich habe seinerzeit schnell festgestellt, dass mir diese Ernährungsweise guttut. Als ich dann ab 1977 Medizin in Freiburg studierte, setzte ich mich mit den Ideen von Bircher-Benner, Kollath und Bruker auseinander. 1980 famulierte ich bei Dr. Bruker in der Klinik Lahnhöhe, der eine pflanzenbasierte Vollwerternährung ohne Milch- und Milchprodukte empfahl. Schon damals war er der Auffassung, dass Kuhmilch für Kälber und für uns Menschen nicht gut geeignet sei.


Hatte Ihre Entscheidung auch handfeste medizinische Gründe?

Mit dem Weglassen der Milch- und Milchprodukte verschwanden meine Hautprobleme vollständig. Durch den Verzicht auf Eier sank mein Cholesterinspiegel. Und ich stellte fest, dass Honig Karies begünstigt, also ließ ich ihn weg. So wurde meine Ernährung vegan, ohne ich dass mir der Begriff bekannt war. Ich bin in den 35 Jahren, die ich nun vegan lebe, von allen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinwerten, Übergewicht usw. verschont geblieben und werde deutlich jünger eingeschätzt. Für mich ist diese Lebensweise ein Jungbrunnen
und ich fühle mich privilegiert, so leben zu dürfen.

Wer konsequent auf alles Tierische verzichtet, muss vor allem auf seine Vitamin B12-Versorgung achten. Gibt es eine generelle Empfehlung?

Tatsächlich ist das Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Nahrungsmitteln enthalten. Eine Supplementation ist bei einer veganen Ernährung in jedem Fall erforderlich. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten: 1. Vitamin B12-Präparate zum Einnehmen, 2. eine Biozahnpasta, die mit B12 angereichert ist, sodass das Vitamin über die Mundschleimhaut aufgenommen werden kann, sowie 3. die Verabreichung in Form einer Injektion, die in Frage kommt, wenn der B12-Blutspiegel rasch aufgefüllt werden soll oder wenn die Ursache des B12-Mangels zusätzlich
in einem Mangel an „intrinsic factor“ bei einer nicht intakten Magenschleimhaut liegt. Der Vitamin B12-Blutspiegel sollte außerdem einmal jährlich vom Arzt überprüft werden.


Welche Nährstoffe sollten Veganer außerdem besonders im Auge haben?

1. Vitamin D: Dieses Vitamin wird zum einen zwar in der Haut durch Sonneneinstrahlung gebildet, jedoch bei Veganern über die Nahrung in geringerer Menge aufgenommen. Durch die geringere Sonneneinstrahlung in unseren Breiten ist allerdings die gesamte Bevölkerung, besonders ältere Menschen, nicht genügend versorgt. Wegen seiner wichtigen Funktionen z. B. für Knochenstoffwechsel, Immunsystem und Herz-Kreislaufsystem sollte es je nach persönlichen Blutwerten ergänzt werden.

2. Kalzium: Dieser Nährstoff ist in jedem Alter wichtig für den Knochenaufbau. Mit sinnvoll zusammengestellter Ernährung mit Brokkoli, verschiedenen Kohlsorten, angereichterten Produkten wie Tofu und Soja- oder Reisdrink kann genügend Kalzium aufgenommen werden. In bestimmten Lebensabschnitten, wie in der Menopause, kann es auch ergänzt werden.

3. Eisen: Die schlechtere Bioverfügbarkeit von pflanzlichem Eisen kann durch die gleichzeitige Einnahme von Vitamin-Chaltigen und anderen organischen Säuren deutlich gesteigert werden. Reichlich Eisen ist enthalten in Bohnen, grünblättrigen Gemüsen und getrockneten Früchten. Einmal jährlich sollten Serumeisen, Hämoglobin und Ferritin bestimmt werden.

4. Zink: Die Zinkaufnahme im Darm kann nach denselben Prinzipien wie bei Eisen gesteigert werden.

5. Jod: Jodmangelsymptome sind Kropfbildung und Schilddrüsenunterfunktion. Durch die TSH-Messung ist eine Unterfunktion der Schilddrüse früh zu erkennen, damit die entsprechende Menge Jod zugeführt werden kann.

6. Omega 3-Fettsäuren: ½ bis 1 Esslöffel Leinöl oder 30 bis 60 g Walnüsse decken den Tagesbedarf. Die Linolsäureaufnahme (z. B. in Sonnenblumenöl und Maiskeimöl) sollte veringert werden, da so die körpereigene Produktion von langkettigen Omega-3-Fettsäuren gefördert wird.

7. Proteine: Proteine, also Eiweiß, sind wichtige Körperbausteine, z. B. bestehen unsere Muskeln weitgehend daraus. Es gibt hervorragende pflanzliche Eiweißquellen wie Hülsenfrüchte, Süßlupine, Nüsse, Samen und Getreide. Es sollte ca.1 g pro kg Körpergewicht in 3 bis 4 Portionen über den Tag verteilt zugeführt werden. Zur weiteren Information empfehle ich die Ernährungspyramide des Vegetarierbundes: www.vebu.de, Stichwort
Ernährungspyramide.


Gibt es auch Nährstoffe, bei denen Veganer nach Ihrer Erfahrung besser abschneiden als Mischköstler?

Generell ist es nicht damit getan, einfach die tierischen Nahrungsmittel wegzulassen – sie sollten durch pflanzliche Eiweißträger ersetzt werden. Als Faustregel für alle drei Mahlzeiten kann gelten: Der halbe Teller sollte gefüllt sein mit Gemüse und/oder Obst, ein Viertel mit vollwertigen Kohlenhydraten und ein Viertel mit pflanzlichen Eiweißträgern. Dabei sollten unverarbeitete Lebensmittel bevorzugt und Zucker und Weißmehl gemieden werden. Bei einer so ausgewogenen Ernährung sind Veganer auf jeden Fall sehr gut versorgt mit Ballaststoffen, Beta-Karotin, Vitamin B1, C und E, Folat, Biotin, Pantothensäure und Magnesium. Diese pflanzenbasierte Ernährung enthält reichlich sekundäre Pflanzenstoffe, die von den Pflanzen gegen Fressfeinde gebildet werden und in unserer Nahrung einen Schutz gegen viele Erkrankungen bis hin zu Krebs bieten. Daher sollten wir mindesten fünf Portionen (eine Portion entspricht einer Handvoll) Gemüse und Obst zu den Tagesmahlzeiten essen.


Welche Rolle spielen Ernährungsfragen in Ihrer Arbeit in der Praxis?

Eine große! Schon Hippokrates sagte vor über 2500 Jahren: „Eure Nahrung soll eure Medizin sein und eure Medizin soll eure Nahrung sein.“ Viele Erkrankungen lassen sich durch eine Ernährungsumstellung beeinflussen, besonders die Zivilisationskrankheiten bis hin zu Krebs. Dennoch ist es oft schwierig für die Patienten, sich umzuorientieren, da gerade die Essgewohnheiten einen starken sozialen Bezug haben. Auch Veränderungen im Einkaufs- und Kochverhalten werden oft als mühsam wahrgenommen. Allerdings hat in Deutschland die Akzeptanz einer pflanzenbasierten Ernährung massiv zugenommen. Ich kann heute sehr viel offener hierzu beraten als vor fünf Jahren.


Empfehlen Sie Ihren Patienten generell eine vegane Ernährung?

Obwohl ich seit einigen Jahren im Wartezimmer Prospekte zur veganen Ernährung ausgelegt habe, überlasse ich es ihnen, bei Interesse Fragen dazu zu stellen. Bei bestimmten Problemen wie z. B. Übergewicht empfehle ich sehr gerne die Challenge („Vegan for Fit“/„Vegan for Youth“) von Attila Hildmann, bei Erkrankungen wie Krebs arbeite ich u. a. mit Hildmanns Buch „Vegan for Fit“, da es vitalstoffreiche und gleichzeitig kohlenhydratarme Rezepte enthält, die bei dieser Erkrankung empfehlenswert sind.


Welche Rolle wird vegane Ernährung in Zukunft spielen?

Ich glaube und hoffe, dass immer mehr Menschen begreifen werden, dass die vegane Lebensweise eine ungeheure Chance für unsere Gesundheit bietet und in Anbetracht des Klimawandels, aber auch aus Gerechtigkeits- und Solidaritätsgründen mit den Hungernden in der Welt wie auch mit den sogenannten Nutztieren „alternativlos“ ist. Meine Vision ist, dass wir lernen, achtsam mit uns selbst, unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen sowie dem Planeten umzugehen. Dies können wir täglich mit unserem Einkaufs und Ernährungsverhalten tun, unabhängig von Politik, Gesetzen und Klimakonferenzen.



ZUR PERSON:

Dr. Andrea Lusser ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Homöopathie und Psychotherapie. Sie betreibt seit über 30 Jahren eine Privatpraxis für naturheilkundliche Ganzheitsmedizin in Freiburg im Breisgau. http://www.dr-lusser.de/